Erkenntnisse aus Forschung und Praxis:
1. Geruchsspuren über Jahre
Wie lange menschliche Geruchsinformationen für Suchhunde erhalten und nutzbar bleiben können, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Die folgenden Studien und dokumentierten Fälle zeigen, welche Erkenntnisse bisher über die zeitliche Beständigkeit menschlicher Geruchsspuren gewonnen wurden – und wo weiterhin offene Fragen bestehen.
Human-Remains-Detection-Hunde – vom einzelnen Spurenrest bis zum menschlichen Körper
Die Studie von Alexander et al. (2015) untersucht die Fähigkeit speziell ausgebildeter Human-Remains-Detection-Hunde (HRD-Hunde), menschlichen Zersetzungsgeruch in Böden zu erkennen – auch dann, wenn die menschlichen Überreste bereits entfernt wurden.
Acht zertifizierte HRD-Hunde untersuchten Bodenproben aus Bereichen, in denen sich zuvor menschliche Überreste befunden hatten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Hunde den zurückgebliebenen Geruch menschlicher Zersetzung noch bis zu 667 Tage nach der Entfernung der Überreste erkennen konnten. Selbst sehr kleine Bodenproben und daraus gewonnene Flüssigkeiten konnten von den Hunden identifiziert werden.
Besonders interessant für die Geruchssuche ist, dass die Autoren darauf hinweisen, dass HRD-Hunde je nach Ausbildung ein sehr breites Spektrum menschlicher Überreste bzw. menschlicher Zersetzungsprodukte anzeigen können – von sehr kleinen Mengen, beispielsweise einem einzelnen Tropfen Blut, bis hin zu vollständigen menschlichen Überresten. Als mögliche Trainingsmaterialien werden unter anderem Blut, Körperflüssigkeiten, Plazenta, Zähne und Knochen genannt.
Damit wird deutlich, dass die Arbeit von HRD-Hunden nicht ausschließlich auf das Auffinden sichtbarer Knochen oder vollständiger Leichenteile beschränkt ist. Auch kleinste bzw. für den Menschen nicht sichtbare Spuren menschlicher Zersetzung können eine relevante Geruchsinformation darstellen.
Die Studie zeigt außerdem, dass solche Geruchsinformationen in der Umgebung zurückbleiben können, obwohl für den Menschen keine sichtbaren Überreste mehr vorhanden sind. Die Autoren bezeichnen dies als Residual Odor (Rest- bzw. Rückstandsgeruch).
Welche einzelnen chemischen Substanzen die Hunde dabei genau wahrnehmen und welche davon für die Anzeige entscheidend sind, konnte die Untersuchung allerdings nicht abschließend klären.
Quelle: Alexander, M. B., Hodges, T. K., Bytheway, J. & Aitkenhead-Peterson, J. A. (2015), Application of soil in Forensic Science: Residual odor and HRD dogs, Forensic Science International, 249, 304–313. DOI: 10.1016/j.forsciint.2015.01.025.
Originalartikel: ScienceDirect – Application of soil in Forensic Science: Residual odor and HRD dogs
PubMed-Eintrag: PubMed – Application of soil in forensic science: residual odor and HRD dogs
Menschliches Blut als Geruchsquelle für Leichenspürhunde
Die Studie von Rendine et al. (2019) untersucht, ob speziell ausgebildete Hunde den Geruch von menschlichem Blut auch während unterschiedlicher Stadien der Zersetzung erkennen können.
Hierfür wurde Blut von vier Menschen untersucht, die bei Verkehrsunfällen verstorben waren. Die Blutproben wurden während verschiedener Zersetzungsstadien analysiert und gleichzeitig von zwei professionell ausgebildeten Hunden lokalisiert. Parallel dazu untersuchten die Wissenschaftler die dabei entstehenden flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs).
Die Untersuchung zeigte, dass sich das chemische Geruchsprofil des Blutes während der Zersetzung verändert. Gleichzeitig konnten die ausgebildeten Hunde die verschiedenen Blutproben sehr zuverlässig lokalisieren. Für die beiden Hunde wurden positive Vorhersagewerte zwischen 98,96 und 100 Prozent beziehungsweise 99,47 und 100 Prozent festgestellt.
Die Ergebnisse zeigen, dass zersetzendes menschliches Blut eine relevante Quelle flüchtiger Geruchsstoffe darstellt und von entsprechend ausgebildeten Hunden als Suchreiz genutzt werden kann.
Damit wird deutlich, dass die Geruchssuche nach menschlichen Überresten nicht ausschließlich auf sichtbare Knochen oder größere Gewebereste beschränkt ist. Auch kleine Mengen menschlichen Materials wie Blut können ein für speziell ausgebildete Hunde relevantes Geruchssignal darstellen.
Die Studie liefert darüber hinaus einen interessanten Hinweis darauf, dass sich das Geruchsbild menschlichen Materials während der Zersetzung verändert. Der Hund muss daher nicht zwangsläufig immer dasselbe chemische Geruchsprofil vorfinden, sondern kann unterschiedliche, mit dem Zersetzungsprozess verbundene Geruchskomponenten erkennen.
Quelle: Rendine, M., Fiore, C., Bertozzi, G., De Carlo, D., Filetti, V., Fortarezza, P. & Riezzo, I. (2019), Decomposing Human Blood: Canine Detection Odor Signature and Volatile Organic Compounds, Journal of Forensic Sciences, 64(2), 587–592. DOI: 10.1111/1556-4029.13901.
Originalquelle: PubMed – Decomposing Human Blood: Canine Detection Odor Signature and Volatile Organic Compounds
Alter menschlicher Geruchsspuren – kein kontinuierlicher Geruchsverlust über sechs Monate
Die Studie von G. A. A. Schoon (2005) untersucht, welchen Einfluss das Alter einer menschlichen Geruchsspur auf die Fähigkeit speziell ausgebildeter Hunde hat, diese einer Person zuzuordnen.
Bei einer sogenannten Geruchsidentifikationsaufstellung müssen die Hunde eine am Tatort hinterlassene Geruchsspur mit dem Geruch einer bestimmten Person aus mehreren Vergleichsgerüchen in Verbindung bringen. Untersucht wurde dabei insbesondere, wie sich das Alter der am Tatort gewonnenen Geruchsprobe auf die Leistung der Hunde auswirkt.
Die Untersuchung betrachtete Geruchsproben mit einem Alter von zwei Wochen bis sechs Monaten. Während die Hunde bei am selben Tag gewonnenen Geruchsproben fehlerfrei arbeiteten, waren die Ergebnisse bei älteren Proben insgesamt schwächer und variabler.
Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass die Untersuchung keinen systematischen Leistungsabfall mit zunehmendem Alter der Geruchsprobe feststellen konnte. Die Ergebnisse wurden also nicht kontinuierlich schlechter, je länger die Geruchsspur gelagert worden war. Auch bei sechs Monate alten Geruchsproben konnte weiterhin eine Identifizierung erfolgen.
Als mögliche Erklärung diskutiert die Studie Veränderungen der Geruchszusammensetzung während der Lagerung. Durch Verdunstung einzelner Bestandteile oder chemische Veränderungen kann sich das ursprüngliche Geruchsgemisch verändern. Diese Veränderungen müssen jedoch nicht zwangsläufig dazu führen, dass die individuelle Geruchsinformation mit zunehmendem Alter immer weiter verloren geht.
Die Studie zeigt damit einen wichtigen Unterschied zwischen „alternder Geruchsspur“ und „verschwindender Geruchsspur“: Eine menschliche Geruchsprobe kann sich im Laufe der Zeit verändern, ohne dass ihre individuelle Erkennbarkeit für einen ausgebildeten Hund kontinuierlich abnimmt.
Quelle: Schoon, G. A. A. (2005), The effect of the ageing of crime scene objects on the results of scent identification line-ups using trained dogs, Forensic Science International, 147(1), 43–47. DOI: 10.1016/j.forsciint.2004.04.080.
Originalquelle: PubMed – The effect of the ageing of crime scene objects on the results of scent identification line-ups using trained dogs
Residualgeruch menschlicher Überreste – Geruch bleibt nach der Entfernung zurück
Die Studie von Alexander et al. (2015) untersuchte, wie lange Human-Remains-Detection-Hunde (HRD-Hunde) den Geruch menschlicher Zersetzung in Böden erkennen können, nachdem die menschlichen Überreste bereits entfernt worden waren.
Hierfür wurden acht zertifizierte HRD-Hunde eingesetzt. Die Hunde untersuchten unter anderem Bodenproben aus Bereichen, in denen sich zuvor menschliche Überreste befunden hatten. Dabei konnten die Hunde den zurückgebliebenen Geruch der menschlichen Zersetzung noch bis zu 667 Tage nach der Entfernung der Überreste erkennen. Je nach Probe lagen die Erkennungsraten zwischen 75 und 100 Prozent; bei den bis zu 667 Tage alten Proben wurde eine Erkennungsleistung von 85,7 Prozent festgestellt.
Die Untersuchung zeigt, dass menschliche Zersetzungsprozesse die Umgebung nachhaltig verändern können. Dabei können geruchsaktive Stoffe im Boden zurückbleiben, obwohl für den Menschen keine sichtbaren Hinweise mehr vorhanden sind.
Die Autoren bezeichnen diesen zurückbleibenden Geruch als Residual Odor. Welche einzelnen chemischen Verbindungen von den Hunden dabei genau wahrgenommen werden, konnte die Studie jedoch nicht abschließend bestimmen.
Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von HRD-Hunden bei der Suche nach Spuren menschlicher Überreste und zeigen gleichzeitig, dass eine Anzeige eines Hundes auch dann erklärbar sein kann, wenn sich an der betreffenden Stelle keine menschlichen Überreste mehr befinden.
Quelle: Alexander, M. B., Hodges, T. K., Bytheway, J. & Aitkenhead-Peterson, J. A. (2015), Application of soil in forensic science: residual odor and HRD dogs, Forensic Science International, 249, 304–313. DOI: 10.1016/j.forsciint.2015.01.025.
Originalquelle: PubMed – Application of soil in forensic science: residual odor and HRD dogs
Vollständiger Artikel: ScienceDirect – Forensic Science International
Der Einfluss der Bodenbeschaffenheit auf die Geruchswahr-nehmung von Leichenspürhunden
Die Studie von Alexander et al. (2016) untersucht, welchen Einfluss die Beschaffenheit des Bodens auf die Arbeit von Human-Remains-Detection-Hunden (HRD-Hunden) bei der Suche nach vergrabenen menschlichen Überresten hat.
Hierzu wurden sechs zertifizierte HRD-Hunde unter vergleichbaren Bedingungen in einem sandigen und einem lehmhaltigen Boden eingesetzt. Die Hunde zeigten im sandigen Boden deutlich schnellere Reaktionen. Bei der grundsätzlichen Treffergenauigkeit konnte dagegen kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Bodenarten festgestellt werden.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Bodenbeschaffenheit die Ausbreitung von Zersetzungsgerüchen beeinflussen und damit die Schwierigkeit einer Suche verändern kann. Für die Planung von Suchgebieten können deshalb Bodenart und Bodenfeuchtigkeit wichtige Faktoren sein.
Quelle: Alexander, M. B., Hodges, T. K., Wescott, D. J. & Aitkenhead-Peterson, J. A. (2016), The Effects of Soil Texture on the Ability of Human Remains Detection Dogs to Detect Buried Human Remains, Journal of Forensic Sciences, 61(3), 649–655. DOI: 10.1111/1556-4029.13084.
Geruchsrecherche Jahre nach dem Verschwinden – Was können Suchhunde noch wahrnehmen?
Die Frage, wie lange menschlicher Geruch für Suchhunde wahrnehmbar bleiben kann, ist wissenschaftlich bislang nicht abschließend beantwortet. Besonders interessant sind deshalb dokumentierte Vermisstenfälle, bei denen Leichenspürhunde erst viele Jahre nach dem Verschwinden einer Person eingesetzt wurden.
Fallbeispiel:
Jon Jónsson –
Suche fünf Jahre nach dem Verschwinden
Der Isländer Jon Jónsson verschwand 2019 während eines Aufenthalts in Dublin. Im Februar 2024, also fünf Jahre nach seinem Verschwinden, wurde im Rahmen der erneuten Ermittlungen ein Gebiet im Santry Demesne Park mit Unterstützung von Leichenspürhunden durchsucht. Die Suche umfasste auch Gewässer und wurde durch neue Hinweise ausgelöst.
Die Hunde zeigten während der mehrtägigen Suche in einzelnen Bereichen an, es konnten jedoch keine menschlichen Überreste oder andere entscheidende Beweismittel gefunden werden.
Der Fall zeigt damit, dass Leichenspürhunde auch fünf Jahre nach einem ungeklärten Verschwinden noch als forensisches Suchmittel eingesetzt werden. Er ist allerdings kein wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass ein bestimmter fünf Jahre alter menschlicher Geruch erfolgreich erkannt wurde, da kein entsprechender Fund erfolgte.
Quelle: Irish Times, 13.–16. Februar 2024
Fallbeispiel:
Tina Satchwell –
mehr als sechs Jahre später
Noch deutlicher ist der Fall der 2017 verschwundenen Tina Satchwell aus Irland.
Ihr Haus war bereits zum Zeitpunkt ihres Verschwindens durchsucht worden. Ein Leichenspürhund kam dabei jedoch nicht zum Einsatz. Im Oktober 2023, mehr als sechs Jahre nach ihrem Verschwinden, wurde das Gebäude erneut kriminaltechnisch durchsucht. Dabei wurde ein speziell ausgebildeter Leichenspürhund eingesetzt.
Der Hund zeigte im Bereich unter der Treppe an. Anschließend wurde der betreffende Bereich näher untersucht und dort wurden menschliche Überreste gefunden, die später Tina Satchwell zugeordnet wurden.
Dieser Fall ist besonders interessant, weil zwischen dem Verschwinden der Person und dem Einsatz des Leichenspürhundes mehr als sechs Jahre lagen. Gleichzeitig muss auch hier zwischen dem dokumentierten praktischen Erfolg eines Hundeeinsatzes und einem wissenschaftlich kontrollierten Experiment unterschieden werden. Der Fall beweist nicht, dass ein unveränderter sechs Jahre alter „Personengeruch“ erkannt wurde. Die tatsächliche Geruchsquelle kann aus verschiedenen Bestandteilen des menschlichen Zersetzungsprozesses bestanden haben.
Quelle: Irish Times, 13. Oktober 2023 und 16. Juni 2025
Bericht über den Einsatz des Leichenspürhundes im Fall Satchwell
Ausführlicher Bericht zum Einsatz des Hundes
Wissenschaftlicher Hintergrund:
Residualgeruch kann sehr lange bestehen
Eine besonders wichtige wissenschaftliche Untersuchung stammt von Alexander et al. aus dem Jahr 2015.
In dieser Studie wurden acht zertifizierte Leichenspürhunde eingesetzt. Untersucht wurden Bodenproben aus Bereichen, in denen sich zuvor menschliche Überreste befunden hatten. Die Überreste waren zum Zeitpunkt der späteren Suche bereits entfernt worden.
Die Hunde konnten den verbliebenen Geruch menschlicher Zersetzung im Boden bis mindestens 667 Tage nach der Entfernung der Überreste erkennen. Selbst bei den ältesten untersuchten Proben wurde noch eine Erkennungsleistung von 85,7 % erreicht.
Besonders wichtig ist die Interpretation dieses Ergebnisses: 667 Tage stellen keine nachgewiesene maximale Geruchsdauer dar. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass aufgrund dieser Untersuchung nicht bestimmt werden kann, wie lange ein solcher Residualgeruch tatsächlich nachweisbar bleibt.
Die Studie zeigt vielmehr, dass Geruchsspuren menschlicher Zersetzung im Boden wesentlich länger bestehen können, als es mit bloßem Auge erkennbar wäre.
Interessant ist außerdem, dass die Hunde teilweise nur sehr geringe Mengen des belasteten Bodens beziehungsweise daraus gewonnene Lösungen identifizieren konnten. Damit zeigt die Untersuchung, dass nicht zwingend sichtbares menschliches Material vorhanden sein muss, damit ein ausgebildeter HRD-Hund eine Geruchsquelle erkennt.
Quelle: Alexander et al. (2015), Application of soil in Forensic Science: Residual odor and HRD dogs, Forensic Science International 249, 304–313.
Alter menschlicher Geruchsspuren:
Kein kontinuierlicher Geruchsverlust
Eine weitere interessante wissenschaftliche Untersuchung stammt von G. A. Schoon aus dem Jahr 2005. Hier wurde untersucht, wie sich das Alter einer menschlichen Geruchsspur auf die Leistung ausgebildeter Hunde bei Geruchsidentifikationen auswirkt.
Die untersuchten Geruchsspuren waren zwischen zwei Wochen und sechs Monaten alt.
Die Hunde arbeiteten mit frischen Proben am zuverlässigsten. Bei den älteren Proben nahm die Leistung insgesamt ab und wurde variabler. Entscheidend ist jedoch: Die Ergebnisse zeigten keinen systematischen kontinuierlichen Leistungsabfall mit zunehmendem Alter der Geruchsspur.
Das bedeutet nicht, dass eine sechs Monate alte Geruchsprobe genauso zuverlässig ist wie eine frische Probe. Vielmehr konnte kein einfaches Muster nachgewiesen werden, nach dem die Erkennungsleistung mit jedem weiteren Tag kontinuierlich schlechter wurde.
Als mögliche Erklärung diskutiert die Studie Veränderungen der chemischen Zusammensetzung der Geruchsprobe, beispielsweise durch Verdunstung einzelner Bestandteile oder chemische Veränderungen. Der Geruch verändert sich also möglicherweise, ohne dass die für den Hund relevante Information einfach linear verschwindet.
Dieser Befund ist für die Geruchsrecherche besonders interessant, weil er die Vorstellung relativiert, dass eine menschliche Geruchsspur lediglich einem einfachen zeitlichen „Verfallsprozess“ unterliegt.
Quelle: Schoon (2005), The effect of the ageing of crime scene objects on the results of scent identification line-ups using trained dogs, Forensic Science International 147, 43–47.
Was lässt sich daraus ableiten?
Die bisher verfügbaren Daten ergeben ein interessantes Bild:
- Fünf Jahre nach einem Verschwinden werden Leichenspürhunde noch bei der Suche eingesetzt – beispielsweise im Fall Jon Jónsson.
- Mehr als sechs Jahre nach einem Verschwinden führte der Einsatz eines Leichenspürhundes im Fall Tina Satchwell zu einer Anzeige an einer Stelle, an der anschließend menschliche Überreste gefunden wurden.
- Experimentell konnte gezeigt werden, dass Residualgeruch menschlicher Zersetzung mindestens 667 Tage nach Entfernung der Überreste im Boden für ausgebildete HRD-Hunde erkennbar bleiben kann.
- Bei menschlichen Geruchsproben konnte zwischen zwei Wochen und sechs Monaten kein kontinuierlicher, systematischer Leistungsabfall allein aufgrund des zunehmenden Alters der Probe festgestellt werden.
Damit gibt es durchaus Hinweise darauf, dass menschlicher Geruch beziehungsweise geruchsrelevante Bestandteile menschlicher Zersetzung wesentlich länger bestehen können, als eine einfache Vorstellung von „Geruch verflüchtigt sich mit der Zeit“ vermuten lässt.
Gleichzeitig gibt es derzeit keinen wissenschaftlich abgesicherten Wert, der besagt: „Nach fünf, zehn oder zwanzig Jahren kann ein Hund einen menschlichen Geruch nicht mehr wahrnehmen.“ Ebenso wenig lässt sich aus einzelnen erfolgreichen Cold-Case-Einsätzen ableiten, dass ein Hund nach mehreren Jahren zwangsläufig noch denselben ursprünglichen Individualgeruch erkennt.
Bei einer Suche nach vielen Jahren muss vielmehr berücksichtigt werden, welche Geruchsquelle überhaupt noch vorhanden ist. Dabei können unter anderem menschliches Gewebe, Zersetzungsprodukte, Blut, Körperflüssigkeiten, Mikroorganismen, Bodenbestandteile und andere durch den menschlichen Körper veränderte Materialien eine Rolle spielen.
Gerade deshalb ist die Frage nach der langfristigen Haltbarkeit menschlicher Geruchsinformation wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Die bisherigen Untersuchungen zeigen jedoch deutlich, dass Geruchsinformation nicht einfach nach einer bestimmten Zeitspanne vollständig verschwindet.
Wissenschaftliche Forschungslücke
Besonders bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen Praxis und Forschung: Es gibt dokumentierte Vermisstenfälle, bei denen Leichenspürhunde erst nach fünf oder mehr Jahren mit Erfolg eingesetzt wurden. Kontrollierte wissenschaftliche Untersuchungen, die gezielt die Erkennungsfähigkeit von Hunden bei menschlichen Geruchs- oder Zersetzungsspuren über Zeiträume von fünf, zehn oder mehr Jahren untersuchen, sind dagegen kaum vorhanden.
Die Frage „Wie lange kann ein ausgebildeter Hund menschliche Geruchsinformation unter realen Umweltbedingungen tatsächlich nutzen?“ ist daher weiterhin offen.
Erkenntnisse aus Forschung und Praxis:
2. Was riecht der Hund eigentlich?
Die Frage, was ein Suchhund tatsächlich wahrnimmt, ist wesentlich komplexer als die einfache Aussage „Der Hund riecht den Menschen“. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass menschlicher Geruch aus einer Vielzahl flüchtiger Verbindungen besteht, die aus unterschiedlichen Körperquellen stammen. Für Suchhunde scheint dabei nicht nur Hautgeruch, sondern insbesondere auch die menschliche Atemluft eine wichtige Rolle zu spielen. Darüber hinaus können Hunde komplexe Geruchsmischungen erkennen und auf veränderte Geruchsproben übertragen.
Walker, Hall & Aviles-Rosa (2026)
„Constituents of human scent as perceived by wilderness search and rescue area dogs“
Diese aktuelle Studie untersuchte erstmals gezielt die Bedeutung verschiedener Bestandteile des menschlichen Geruchs bei zertifizierten Wilderness-SAR-Flächensuchhunden. Sechs ausgebildete Suchhunde wurden mit Geruchsproben aus menschlicher Atemluft und von der Haut konfrontiert. Die Hunde reagierten stärker bzw. schneller auf die Atemluft als auf den reinen Hautgeruch.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass ausgeatmete menschliche Atemluft ein besonders wichtiger Bestandteil des von Flächensuchhunden wahrgenommenen menschlichen Geruchs sein kann. Die bisher verbreitete Vorstellung, menschlicher Suchgeruch stamme hauptsächlich von abgeschilferten Hautzellen und deren bakterieller Zersetzung, muss dadurch möglicherweise erweitert werden.
Quelle:
Walker, M. K., Hall, N. J. & Aviles-Rosa, E. O. (2026). Constituents of human scent as perceived by wilderness search and rescue area dogs. Applied Animal Behaviour Science, 300, 107033.
Studie bei ScienceDirect
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168159126001243
Aviles-Rosa et al. (2024)
„Development of an automated human scent olfactometer and its use to evaluate detection dog perception of human scent“
Die Forscher entwickelten ein spezielles Gerät, mit dem menschlicher Geruch unter kontrollierten Bedingungen einem Hund präsentiert werden kann. Fünf zertifizierte Such- und Rettungshundeteams konnten menschlichen Geruch mit einer Sensitivität und Spezifität von über 95 % erkennen.
Besonders interessant war der Vergleich verschiedener Geruchsquellen: Die Hunde reagierten nur selten auf Gegenstände, die von derselben Person getragen oder berührt worden waren. Auf menschliche Atemluft reagierten sie dagegen deutlich häufiger. In einem weiteren Versuch lag die Reaktionsrate auf reine Atemluft bei 88%.
Die Studie zeigt damit, dass Atemluft einen wichtigen und für Suchhunde deutlich wahrnehmbaren Bestandteil des menschlichen Geruchs darstellt.
Quelle:
Aviles-Rosa, E. O. et al. (2024). Development of an automated human scent olfactometer and its use to evaluate detection dog perception of human scent. PLOS ONE, 19(3), e0299148.
Studie bei PLOS ONE
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0299148
Thurn et al. (2024)
„Ante- and post-mortem human volatiles for disaster search and rescue“
Diese Übersichtsarbeit beschäftigt sich mit den flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs), die vom lebenden und vom verstorbenen Menschen abgegeben werden.
Die Autoren werteten die wissenschaftliche Literatur zu menschlichen Gerüchen aus und fanden 973 verschiedene beschriebene Verbindungen. Diese stammten unter anderem aus Atemluft, Haut, Schweiß, Speichel, Blut, Haaren und anderen Körpermaterialien. Zusätzlich wurden zahlreiche Verbindungen dokumentiert, die während der verschiedenen Phasen der Zersetzung entstehen.
Die Untersuchung macht deutlich, dass es nicht den einen menschlichen Geruchsstoff gibt. Vielmehr entsteht das menschliche Geruchsbild aus einem komplexen Gemisch zahlreicher flüchtiger Verbindungen. Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass das vollständige menschliche Geruchsprofil wissenschaftlich noch nicht abschließend beschrieben ist.
Quelle:
Thurn, B. et al. (2024). Ante- and post-mortem human volatiles for disaster search and rescue. Forensic Chemistry, 40, 100596.
Studie bei ScienceDirect
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2468170924000481
Woidtke, Dreßler & Babian (2018)
„Individual human scent as a forensic identifier“
Diese Studie untersuchte die Fähigkeit von Suchhunden, individuelle menschliche Gerüche zu verfolgen. Insgesamt wurden 190 Personen, sieben Hunde und 675 Versuche einbezogen. Als Geruchsquellen wurden unter anderem Achselschweiß, Speichel und aus Blut gewonnene DNA verwendet.
Die Ergebnisse zeigen, dass speziell ausgebildete Hunde individuelle menschliche Geruchsmerkmale verfolgen können und dass unterschiedliche Körpermaterialien als Geruchsquelle geeignet sein können.
Die Untersuchung ist insbesondere für die Frage interessant, ob Hunde einen Menschen anhand eines individuellen Geruchsprofils unterscheiden können.
Die ursprüngliche Veröffentlichung führte allerdings zu einer wissenschaftlichen Kontroverse hinsichtlich der Interpretation der DNA-Proben. Aus den Ergebnissen lässt sich nicht ableiten, dass Hunde das DNA-Molekül selbst riechen können. Diese Einschränkung sollte bei einer Darstellung der Studie ausdrücklich berücksichtigt werden.
Quelle:
Woidtke, L., Dreßler, J. & Babian, C. (2018). *Individual human scent as a forensic identifier using mantrailing. Forensic Science International, 282, 123–129.
Studie und Hinweise zur Veröffentlichung bei PubMed
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29182955/
Was bedeuten diese Forschungsergebnisse für die praktische Sucharbeit?
Die bisherige Forschung spricht dafür, dass ein Suchhund nicht einfach einen einzelnen „Menschengeruch“ wahrnimmt. Vielmehr trifft an seiner Nase wahrscheinlich ein komplexes Gemisch "verschiedener flüchtiger Verbindungen" VOC´s ein.
Diese können unter anderem aus:
- Atemluft
- Haut und Hautsekreten
- Schweiß
- Speichel
- abgestorbenen Hautzellen
- Mikroorganismen und deren Stoffwechselprodukten
- Kleidung und anderen Kontaktmaterialien
- sowie – bei verstorbenen Personen – aus den verschiedenen Phasen der Zersetzung
stammen.
Hinzu kommt die Fähigkeit des Hundes, aus solchen komplexen Geruchsmischungen bestimmte Merkmale zu erkennen und auf veränderte Situationen zu übertragen.
Damit wird auch verständlich, warum die Frage „Was riecht der Hund eigentlich?“ nicht mit einem einzelnen Satz beantwortet werden kann. Entscheidend ist möglicherweise vielmehr das gesamte Geruchsmuster, das aus zahlreichen Komponenten entsteht und sich mit Zeit, Umgebung und Entfernung verändert.
VOCs bedeutet „Volatile Organic Compounds“, auf Deutsch flüchtige organische Verbindungen.
Einfach gesagt:
👉 VOCs sind kleine chemische Stoffe, die leicht von einem Material in die Luft übergehen.
Viele davon können wir riechen. Sie entstehen zum Beispiel durch:
- Menschen und Tiere
- Pflanzen
- Lebensmittel
- Schweiß und Haut
- Zersetzung organischer Stoffe
- Feuer oder Verbrennung
Man kann sich VOCs vereinfacht wie winzige Duftmoleküle in der Luft vorstellen. Ein einzelner Stoff macht dabei häufig nicht den gesamten Geruch aus – viele verschiedene VOCs zusammen ergeben ein charakteristisches Geruchsbild.
Bei Suchhunden sind VOCs deshalb interessant, weil sie einen Teil der chemischen Informationen bilden können, aus denen ein Hund eine Geruchsspur wahrnimmt.
Unsere Arbeitshypothese:
Was der Hund tatsächlich verfolgt?
Aus unserer praktischen Arbeit gehen wir davon aus, dass ein Hund bei der Suche nach einer bestimmten Person nicht nur einen einzelnen „Geruchsstoff“ verfolgt. Vielmehr entsteht für ihn ein individuelles Geruchsbild, das sich aus einer Vielzahl biologischer Bestandteile zusammensetzt.
Dazu gehören unter anderem Hautschuppen, Haut- und Körpersekrete, Haare, Atemluft und weitere biologische Materialien, die ein Mensch ständig an seine Umgebung abgibt. Diese Bestandteile können sich an Gegenständen und in der Umgebung ablagern und dort unterschiedliche lange erhalten bleiben.
Einen besonderen Stellenwert messen wir dabei der DNA bei. Unsere Arbeitshypothese ist, dass DNA bzw. das biologische Material, in dem sich die DNA befindet, einen wesentlichen Bestandteil dieses individuellen Geruchsbildes darstellen könnte. Der entscheidende Gedanke dahinter ist, dass die genetische Information eines Menschen während seines Lebens nicht fortlaufend verändert wird und nach dem Tod als biologische Information erhalten bleibt. Dadurch könnte sie – zumindest theoretisch – einen besonders stabilen Bestandteil der individuellen biologischen Spur darstellen.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen DNA als genetischer Information und dem Geruch, den ein Suchhund tatsächlich wahrnimmt. Es ist wissenschaftlich bislang nicht eindeutig nachgewiesen, dass Hunde DNA-Moleküle unmittelbar als solche „erriechen“. Ebenso wenig ist geklärt, welchen Anteil DNA-haltiges Material tatsächlich am Geruchssignal eines Menschen ausmacht.
Für uns bedeutet das: Wir betrachten den menschlichen Individualgeruch als komplexes Zusammenspiel verschiedener biologischer Komponenten. Die DNA beziehungsweise DNA-haltiges Material könnte dabei ein wichtiger Bestandteil sein – möglicherweise gemeinsam mit Hautschuppen, Sekreten, Haaren und weiteren Stoffen.
Diese Vorstellung verstehen wir ausdrücklich als Arbeitshypothese, die aus der praktischen Arbeit mit Suchhunden entstanden ist und durch weitere wissenschaftliche Untersuchungen überprüft werden muss. Gerade die Frage, welche Bestandteile einer menschlichen Spur ein Hund tatsächlich wahrnimmt und wie er daraus ein individuelles Geruchsbild bildet, ist aus unserer Sicht einer der spannendsten Bereiche der Geruchsforschung.
